Die Schlange als Symbol des Bösen
Warum wird das Böse in Genesis 3 beim Sündenfall ausgerechnet in Form einer Schlange verkörpert? Eine kleine Spurensuche aus archäologischer, theologischer und biologischer Perspektive gibt interessante Einblicke.

Benjamin Scholl
Schon viele haben sich die Frage gestellt, warum in der biblischen Urgeschichte in Genesis 3 die Versuchung dem ersten Menschenpaar, Eva und Adam, ausgerechnet als Schlange (hebr. nachasch) gegenübertritt. Die Schlange bringt die ersten Menschen schließlich zum Abfall von Gott und damit zur Sterblichkeit. Im Neuen Testament in Offenbarung 12,9 heißt es schließlich, dass „der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt“ (aus dem Himmel) auf die Erde hinabgeworfen wird. Interessant ist hier die griech. Bezeichnung „ho ophis ho archaios“ für „die alte Schlange“. Zum einen wird dasselbe Wort „ho ophis“ in Genesis 3,1 in der Septuaginta (den ältesten Übersetzungen des Alten Testaments in Griechisch; 1Mo–5Mo ca. ab Mitte des 3. Jh. v. Chr.) verwendet. Zum anderen spielt das Wort „archaios“, was u. a. so viel wie „anfänglich“, „von Anfang an bestehend“ oder „uralt“ bedeutet, wahrscheinlich auf den Schöpfungsbericht an: So steht „En arché …“, „Im Anfang“ wörtlich in der Septuaginta in 1. Mose 1,1 sowie in Johannes 1,1. Mit ähnlichen Worten wird in Johannes 8,44 der Teufel als „Menschenmörder von Anfang an“, „ap‘ archés“, und als „Vater der Lüge“ bezeichnet. Danilović (2022, 5) fasst es so zusammen: „Es ist […] allgemein bekannt, dass die spätere jüdische und christliche Tradition die Schlange mit dem Teufel, dem gefallenen Engel Satan, identifizierte“.
In Kanaan, Ägypten und Mesopotamien (s. Abb. 1) war die Schlange zudem mit einer Vielzahl von Zaubern, Gottheiten und Dämonen verbunden (Danilović 2022, 6–9). Relevant waren vor allem die Aspekte: Gefahr (giftiger Schlangenbiss), Heilung (Gegengift), Verjüngung (Häutung) und Fruchtbarkeit. So wurden Schlangen symbolisch häufig mit dem Fruchtbarkeitsgott Baal in Kanaan sowie insbesondere mit Tempelprostitution in Verbindung gebracht (S. 10f). Zahlreiche entsprechende Abbildungen, insbesondere von bronzenen Schlangen ab dem 17./16. Jh. v. Chr. (vgl. dazu 4Mo 21,6-9), finden sich z. B. bei Münnich (2008).

Abb. 1 Schlangendarstellungen aus Mesopotamien: Der Schlangengott Ningishzida auf der Trankopfervase des sumerischen Königs Gudea (konventionell ca. 2100 v. Chr.). (Ernest de Sarzec, Public Domain)
Danilović (2022, 12) meint trotz dieser vielfältigen historischen Bezüge, dass die Rolle der Schlange in Genesis 3 am besten direkt aus dem Text bestimmt werden sollte. Daraus geht hervor, dass die Schlange „eine negative Figur ist, sie täuscht und fordert die Frau auf, die Gebote zu brechen“ (S. 12). Außerdem ist die Schlange auch diejenige, die dem verheißenen „Nachkommen der Frau“ (1Mo 3,15) „in die Ferse stechen wird“; hier wird dasselbe hebr. Wort „schuph“ verwendet, wie beim Zermalmen des Kopfes der Schlange durch den Nachkommen der Frau. „Diese Stelle wurde dann in der Kirche als eine messianische Stelle, die auf Christus verweist, verstanden“ (Danilović 2022, 4). Somit wird als Eigenschaft der Schlange insbesondere der gefährliche Schlangenbiss in Genesis 3 betont.
Doch wie gefährlich sind Bisse von Schlangen eigentlich? Tyagi & Tilak (2022, 1-4) und Statista (2016) führen jeweils die meisten menschlichen Todesfälle pro Jahr je Tiergruppe auf. Doch streng genommen sind einige der dort aufgeführten Tiere nicht an sich gefährlich, sondern lediglich die von ihnen übertragenen Krankheiten, was auf ca. 700.000 bis 725.000 durch Mücken veursachten Todesfällen und die ca. 10.000 bis 15.000 durch Tsetsefliegen und Raubwanzen verursachten Todesfälle zutrifft – sowie auf die Mehrheit der – je nach Studie – 10.000 bis 100.000 Todesfälle durch Süßwasserschnecken. Auch bei den ca. 25.000 bis 60.000 Todesfällen bei Hunden/Wölfen gehen zu einem Großteil auf Tollwut zurück. Krokodile verursachen durch ihre Angriffe ca. 1000 bis 5000 Todesfälle vor allem in Afrika. Elefanten und Flusspferde zertrampeln bzw. zerbeißen jeweils ca. 100 bis 500 Menschen im Jahr. Bei Löwen, Tigern und Leoparden sowie bei Haien sind es jeweils noch weniger direkt tödliche Angriffe.
Giftschlangen sind hingegen jährlich für ca. 50.000 bis 138.000 Todesfälle verantwortlich – das ist viel mehr als bei anderen giftigen oder direkt tödlich angreifenden Tieren. Die Zahl derjenigen mit dauerhaften schweren Behinderungen oder Amputationen liegt sogar noch drei Mal höher.
Zu den Schlangen mit den meisten Todesopfern gehören Vipern (Abb. 2), Kobras und Giftnattern. Es gibt über 600 Arten von Giftschlangen, von denen 85 als „medizinisch höchst relevant“ eingestuft werden (Glanville et al. 2025, 1). Jede Schlange erzeugt jeweils 5 bis 70 einzigartige Proteingifte mit unterschiedlichen Ausprägungen – zum Teil sogar innerhalb derselben Art (ebd.). Das macht die Herstellung von Gegengiften so kompliziert.

Abb. 2 Sandrasselotter-Arten (hier die auch in Israel heimische Arabische Sandrasselotter) gehören aufgrund ihrer weiten Verbreitung zu den Giftschlangen mit den meisten menschlichen Todesfällen weltweit. (RatioTile, CC BY-SA 4.0, Wikimedia)
Fasst man die Ergebnisse zusammen, so sind Giftschlangen selbst im Zeitalter von im Labor hergestellten Gegengiften die Tiere, die direkt die meisten Menschen töten. Dies passt erstaunlich gut zur in Genesis 3 dargestellten tief verwurzelten Feindschaft zwischen Mensch und Schlange seit dem Sündenfall. Somit scheint insbesondere die Eigenschaft des zwar erst im Laufe der Zeit tödlich wirksamen Schlangengiftes ein wichtiger Grund zu sein, warum das Böse den ersten Menschen in Form einer Schlange gegenübertritt. So wird in der Genesis auch die Sünde, also der Abfall von Gott, dargestellt: Sie ist tödlich, aber ihre Folgen treten nicht immer sofort zutage.
Literatur
Danilović A (2022) “And the serpent was craftier of all animals of the field” (Gen. 3:1). The Motif of Snake in Gen. 3. Godišnjak, Year ХХI, No. 21, 1–15, doi 10.7251/CPBFSVO2221001.
Münnich M (2008) The Cult of the Bronze Serpents in Ancient Canaan and Israel. In: Schwartz BJ, Melamed A & Shemesh A (eds.) Iggud. Selected Essays in Jewish Studies. Vol. I., 39–56, https://www.academia.edu/4512018.
Statista (2016) Anzahl der jährlichen Sterbefälle weltweit infolge einer Begegnung mit Tieren nach Tierart, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/554329.
Tyagi BK & Tilak R (2022) Which is the world’s deadliest animal: a lion, tiger, shark, snake or mosquito? J. Med. Arthropodol. & Public Health 2, 1–7.
Dieser Artikel ist zuerst im W+W-Info 2026-3 erschienen: https://www.wort-und-wissen.org/info/wort-und-wissen-info-3-2026/.