05.11.2026: Zhengheornis buyu: neue Vogel-Mosaikform aus dem Jura
Reinhard Junker
Ein neuer Vogelfossilfund aus dem Jura soll die Lücke zwischen Vögeln mit langer Schwanzwirbelsäule und solche mit kurzem Pygostyl (verschmolzenen Schwanzwirbeln) überbrücken. Zhengeornis buyu weist jedoch die wesentlichen Merkmale eines Pgyostyls nicht auf; stattdessen ist dessen Schwanzwirbelsäule gegenüber dem etwa gleichalten Archaeopteryx und dem jüngeren Jeholornis verkürzt. Zhengheornis vergrößert die Formenvielfalt von Juravögeln, die insgesamt nicht widerspruchsfrei in evolutionäre Abfolgen gebracht werden können.
Das Pygostyl
Bei heutigen Vögeln sind die letzten Schwanzwirbel zu einem sogenannten Pygostyl verwachsen. Es dient als stabile Unterlage für die fächerförmig angeordneten Schwanzfedern. Das Pygostyl ist beidseitig mit einem „Steuerfederkolben“ verbunden, einem komplizierten Organ aus Fett, Bindegewebe und Muskeln, an dem die Schwanzfedern ansetzen und durch das diese bewegt und gesteuert werden können. Dies verbessert gegenüber Vögeln mit einer langen Schwanzwirbelsäule und einem Fiederschwanz wie beim „Urvogel“ Archaeopteryx aus dem Oberjura und Jeholornis (Abb. 1) aus der Unterkreide die Flugfähigkeit – soweit man dies anhand des fossilen Befundes überhaupt sicher sagen kann. Wang & O’Connor (2017, 291) sprechen von einem „ausgeklügelten Schwanzkomplex“ und von einer „integrierten Ganzheit“.

Abb. 1 Moderne künstlerische Rekonstruktion von Jeholornis (links) mit vorgeschlagener Nahrungsökologie (Magnolienblätter) und moderne Rekonstruktion von Archaeopteryx (rechts). (Jeholornis aus Wu et al., CC BY-SA 4.0; Archaeopteryx: Nobu Tamura, CC BY-SA 3.0)
Das Pygostyl gehört zu den Vogelmerkmalen, die bei mutmaßlichen Dinosaurier-Vorfahren der Vögel nicht vorkommen und ziemlich abrupt bei den Vögeln entstanden sein sollen (vgl. Diskussion bei Junker 2019, 33–37).
Die neu beschriebene Art Zhengheornis buyu
Die kürzlich neu beschriebene Art Zhengheornis buyu (Abb. 2) aus dem Oberjura Südostchinas füllt nun die Lücke zwischen einer langen Schwanzwirbelsäule und dem Pygostyl nach Einschätzung ihrer Entdecker (Wang et al. 2026). Mit geschätzten 74 bis 163 Gramm Gewicht war die neu beschriebene Art der kleinste bisher bekannte Vogel aus dem Jura. Das gut erhaltene Skelett mit zahlreichen Federabdrücken weist einen verkürzten Schwanz aus nur 15 kurzen Schwanzwirbeln auf, während Archaeopteryx 23 bis 24 freie Schwanzwirbel besaß und die jüngere Gattung Jeholornis sogar bis zu 27.
Bei den Schwanzwirbeln von Zhengheornis gibt es allerdings keinerlei Anzeichen für Verschmelzungen. Der verkürzte, flexible Schwanz dürfte durch Gewichtsersparnis und die Verlagerung des Massenschwerpunkts und Verringerung des Luftwiderstands aerodynamische Vorteile mit sich bringen. Die geringere Anzahl an Gelenken sorgt für eine höhere Gesamtsteifigkeit des Schwanzes als bei einer längeren Schwanzwirbelsäule und ermöglicht eine bessere Flugkontrolle. Für Vögel mit Pygostyl typisch sind ein teilweise verschmolzenes Becken (Synsacrum) und verschmolzene Unterschenkelknochen (Tibiotarsus).
Wang et al. (2026, 6) begründen die Stellung von Zhengheornis als Zwischenform auch mit weiteren morphologischen (körperbaulichen) Merkmalen, die bisher nur bei Vögeln bekannt waren, die ein Pygostyl besitzen: Das Ischium (Sitzbein im Beckengürtel) war wesentlich schlanker als bei den meisten anderen Vögeln aus dem Jura und das Wadenbein ragt weit hinauf zum körperfernen Ende des Schienbeins. Eine phylogenetische Analyse (Stammbaumrekonstruktion) ergab, dass Zhengheornis früh nach dem befiederten Anchiornis und ähnlichen Formen aus dem Ober-/Mitteljura und Archaeopteryx abzweigte.
Morphometrische Analysen ergaben, dass Zhengheornis keine speziellen Merkmale für eine ausschließlich boden- oder baumbewohnende Lebensweise aufwies, was darauf hindeutet, dass diese Gattung wahrscheinlich ein ökologischer Generalist war (Wang et al. 2026, 5).

Abb. 2 Holotyp von Zhengheornis buyu, IVPP V34168, Foto und Strichzeichnung. Die Schwanzwirbelsäule ist gut erkennbar. (Aus Wang et al. 2026, © The Authors, CC BY-NC 4.0)
Kommentar
Zhengheornis erweitert den bekannten Formenraum im Bereich der Juravögel. In Bezug auf seine Schwanzwirbelsäule und einige weitere der oben erwähnten Merkmale kann der neue Fund als Zwischenform zwischen Formen mit längerer Schwanzwirbelsäule und den Pygostyliern gelten. Ob er damit auch als evolutionäre Übergangsform interpretiert werden kann, ist jedoch fraglich. Die Zahl der Schwanzwirbel ist zwar deutlich geringer als bei Archaeopteryx und bei nicht fliegenden Raubsauriern (Theropoden), aber es gibt keinerlei Verwachsungen. Man muss bedenken, dass das Pygostyl und die daran ansetzende Muskulatur eine komplexe Struktur ist (s. o.), die einiges mehr benötigt als Verwachsungen von Wirbelkörpern.
Zudem lebte Zhengheornis zeitgleich mit Formen, die deutlich anders gebaut waren. So weisen Zhengheornis, Fujianvenator (Xu et al. 2023; vgl. Junker 2023) und Baminornis (Abb. 3) (Chen et al. 2025, vgl. Junker 2025) unterschiedliche Baupläne (z. B. lange und kurze Schwänze; Baminornis mit Pygostyl, robustes und schlankes Sitzbein, lange und kurze Schienbeine sowie ein Brustgürtel, der typisch oder untypisch für die Avialae ist) und Körpergrößen auf (die Beinlänge variiert zwischen 107 und 225 mm) (Wang et al. 2026, 7).

Abb. 3 Links eine Rekonstruktion von Baminornis (diese Rekonstruktion ist allerdings umstritten, weil der Schnabel nicht am Fossil ersichtlich ist; die Beinlänge könnte auch größer sein) und rechts der fossile Befund. (UnexpectedDinoLesson, CC BY 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/, Wikimedia; skizziert nach Chen et al. 2025).
Dazu kommt noch die jüngere Gattung Jeholornis aus der Unterkreide mit einer noch längeren Schwanzwirbelsäule als Archaeopteryx, die das Bild zusätzlich verkompliziert. Die genannten unterschiedlichen Gattungen lassen sich nicht eine evolutionäre Reihe bringen; es handelt sich um unterschiedliche Mosaikformen, deren phylogenetischer Zusammenhang unter evolutionstheoretischen Vorgaben schwer zu bestimmen ist.
Fazit
Wang et al. (2026, 6) kommentieren diese Situation, dass die Evolution des Vogelschwanzes „komplex“ gewesen sei. Und die überraschende Kleinwüchsigkeit von Zhengheornis zeige eine „Experimentierung“ mit Merkmalen, die mit dem Laufen assoziiert sind. „Komplexität“ der Evolution und „Experimentierung“ sind allerdings oft verwendete Begriffe, die auf ungelöste Probleme einer evolutionären Deutung verweisen.
Übrigens diskutieren die Autoren die schon früher geäußerte Hypothese, dass der Übergang zu einem Pygostyl schnell verlaufen sein könnte. Doch dies ist eine bloße Spekulation, bei der mit vereinfachenden, unrealistischen Annahmen argumentiert wird. Denn es müssten neben den Veränderungen im Knochenbau gleichzeitig mehrere aufeinander abgestimmte Änderungen in der Muskulatur und anderen Geweben eintreten, was nicht zu erwarten ist (Diskussion dazu bei Junker 2019, 37).
Zhengheornis und die anderen bekannten Juravögel belegen nicht eine Evolution der Vögel von theropoden (zweibeinigen) Dinosauriern, sondern bilden eine Vielfalt unterschiedlicher Merkmalsmosaike. Aus Schöpfungsperspektive handelt es sich bei den Gattungen der Juravögel wahrscheinlich um verschiedene Grundtypen (Schöpfungseinheiten), bei denen verschiedene Merkmale in unterschiedlichen Kombinationen vorkommen.
Literatur
Chen R et al. (2025) Earliest short-tailed bird from the Late Jurassic of China. Nature 638, 441–448, doi: 10.1038/s41586-024-08410-z.
Junker R (2019) Sind Vögel Dinosaurier? Eine kritische Analyse fossiler Befunde. W+W Special Paper B-19-4, www.wort-und-wissen.org/artikel/voegel-dinosaurier-fossile-befunde/.
Junker R (2023) Ein neues Bindeglied zwischen Dinosauriern und Vögeln? Genesisnet News vom 13.11.2023, www.genesisnet.info//n/324-0/.
Junker R (2025) Baminornis befördert Archaeopteryx auf das Abstellgleis. Genesisnet News vom 21.03.2025, www.genesisnet.info//n/352-0/.
Wang M et al. (2026) Jurassic avialan reveals stepwise evolution of bony tail in birds. Sci. Adv. 12, eaeb5202.
Wang M, O’Connor JK, Pan Y& Zhou Z (2017) A bizarre Early Cretaceous enantiornithine bird with unique crural feathers and an ornithuromorph plough-shaped pygostyle. Nat. Comm. 8:14141.
Wu X et al. (2026) Intra-stomachal Magnoliales phytoliths provide definitive evidence for folivory in basal avialans of the Early Cretaceous Jehol Biota. Research Square, doi:10.21203/rs.3.rs-2557852/v1.
Xu L et al. (2023) A new avialan theropod from an emerging Jurassic terrestrial fauna. Nature 621, 336–343, doi:10.1038/s41586-023-06513-7.
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