21.09.2026: Der „Spaßnobelpreis“ für Biomechanik 2026: Haben Menschen wirklich das Küssen von Menschenaffen geerbt?
Benjamin Scholl
In den letzten Monaten wurde immer wieder behauptet, dass sich das Küssen beim Menschen vom Küssen großaffenartiger Vorfahren vor 21,5–16,9 Millionen radiometrischen Jahren (MrJ) entwickelt haben soll. Dafür wurde sogar der Ig-Nobelpreis 2026 für Biomechanik vergeben. Doch wie gut ist die These zur Herkunft des Küssens tatsächlich belegt? Und wie sauber lässt sich die Verhaltensweise des Küssens definieren und abgrenzen?
Einleitung
Ig-Nobelpreis – von ignoble „unwürdig“, auch „Spaßnobelpreis“ genannt – ist eine satirische und seit 1991 durchgeführte Auszeichnung zur Anerkennung von wissenschaftlichen Leistungen, die sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken anregen sollen. Insofern geht es trotz des Titels und trotz des großen Klamauks bei der Preisverleihung durchaus auch um seriöse Wissenschaft. Der diesjährige Ig-Nobelpreis für Biomechanik wurde an „an eine Gruppe aus Großbritannien und den USA um Matilda Brindle für ihre Forschung zur Evolutionsgeschichte des Kusses“ vergeben, wie Spektrum schrieb (Mocker 2026). Doch worum ging es dabei und wie gut war die These begründet, dass sich die Vorfahren des Menschen schon vor 21,5–16,9 Millionen radiometrischen Jahren (MrJ) geküsst haben sollen (vgl. Mocker 2026; Brindle et al. 2025, 1; Podbregar 2025))?
Bei Menschen ist Küssen seit ca. 4500 Jahren archäologisch nachgewiesen und tritt in ca. 46 % aller menschlichen Kulturen auf (Lee 2025; Lameira 2024). Auch moderne Menschen und Neandertaler haben sich wahrscheinlich untereinander geküsst. Sie haben sich zwar vor 0,75–0,45 MrJ auseinanderentwickelt, weisen aber dennoch beide dieselbe Mikrobe (Methanobrevibacter oralis) im Mund auf, die höchstens 0,1 MrJ alt ist (Brindle et al. 2025, 5).
Brindle et al. (2025, 1) definierten in ihrer Literaturstudie das „Küssen“ als „nicht-feindliche Interaktion, die einen gezielten, intraspezifischen Mund-zu-Mund-Kontakt mit einer gewissen Bewegung der Lippen/Mundwerkzeuge beinhaltet, aber keine Nahrungsübertragung“.
Ergebnisse der IG-Nobelpreisträger: Küssen ist völlig unsystematisch verteilt
Mit dieser Definition konnten die Autoren mithilfe von Literaturrecherchen bei Primaten folgendes Kussverhalten feststellen, das sehr artspezifisch auftritt: Bei Gemeinen Schimpansen kommt es im nichtsexuellen Kontext relativ häufig und selten im sexuellen Kontext vor; Zwergschimpansen „küssen“ hingegen ausschließlich im sexuellen Kontext relativ häufig. Beim Westlichen Flachlandgorilla tritt „Küssen“ sexuell und nicht-sexuell nur selten auf; aber beim Östlichen Gorilla ist es gar nicht bekannt, weswegen letztere es evolutionär verloren haben müssten (S. 6). Beim Borneo-Orang-Utan tritt „Küssen“ sexuell und nichtsexuell jeweils selten auf und beim Sumatra-Orang-Utan nur nichtsexuell und selten (ebd., Tab. 1). Bei den Kleinen Menschenaffen (Gibbons) kommt es gar nicht vor (Fig. 2). Weil die mehrfache unabhängige Entstehung des „Küssens“ unplausibler ist als die frühe Entstehung und der spätere Verlust der Eigenschaft müssten auch die Kleinen Menschenaffen diese Fähigkeit evolutionär verloren haben. So oder so zeigt sich kein konsistentes Muster, aus dem man zwingend darauf schließen könnte, dass der hypothetische letzte gemeinsame Vorfahr aller Menschenaffen ebenfalls das Küssen gepflegt hat.
Dafür „küssen“ aber folgende Meerkatzenverwandten: Bengalischen Hanuman-Languren, 2 Arten von Pavianen und fünf Arten von Makaken (Tab. 2). Nimmt man aufgrund der nur sehr sporadischen Verteilung an, dass das Küssen nicht von einem gemeinsamen Vorfahren abgeleitet, sondern jeweils unabhängig evolutionär entstanden ist, dann hätte sich das „Küssen“ möglicherweise alleine bei Pavianen und Makaken evolutionär „bis zu sieben Mal unabhängig voneinander entwickelt“ (S. 6). Dies ist aber ein äußerst unplausibles Szenario.
Allerdings tritt „Küssen“ im evolutionären Stammbaum rätselhafterweise (vgl. S. 4) noch bei vielen weiteren, evolutionär weit entfernten Tiergruppen auf, sodass sich daraus kein stringentes Abstammungsargument ableiten lässt. Beispiele für „Küssen“ entsprechend der obigen Definition finden sich bei Bären, Wölfen, Präriehunden, Albatrossen, Fischen und sogar Ameisen (s. Abb. 1; vgl. Brindle et al. 2025, Fig. 1).

Abb. 1 A Küssen soll sich laut Evolutionsbiologen eventuell von der Fellpflege ableiten (hier Zwergschimpansen). B–I „Küssen“ kommt laut der Definition von Brindle et al. (2025) bei folgenden Tiergruppen vor (nach Brindle et al. aber nur bei A–D): B Paviane, C Berberaffen (Macaca sylvanus), D Präriehunde, E Fischotter, F Seelöwen, G Hausschweine, H Hausrinder (es könnte sich hierbei aber auch um das Ablecken von Milchschaum handeln) und I Papageien (Sonnensittich). (Fotos nach Pixabay und Pickpik)
Kritik an der Studie
Lameira (2024, 2) kritisiert allerdings, dass Definitionen wie die oben genannte von Mund-zu-Mund-Kontakt auf „romantisierten Beschreibungen“ und nur scheinbar ähnlichem Verhalten zu Menschen basieren. Sonst würde ja auch jeder Hund, der seinem Besitzer das Gesicht ableckt, laut dieser Definition „küssen“. Lameira (2024, 2) kommentiert weiter: „Mund-zu-Mund-Kontakt ist bei Menschenaffen selten und tritt im Wesentlichen als Verhalten der Versöhnung und des Trostes nach Konflikten auf, oft gefolgt von gegenseitiger Fellpflege.“
Darüber hinaus stellt „Küssen ein evolutionäres Problem dar, da es offenbar nicht in offensichtlicher Weise zum Überleben oder zur Fortpflanzung beiträgt, während die potenziellen Kosten der Krankheitsübertragung hoch sind“ (Brindle et al. 2025, 1f). Es wurden zahlreiche evolutionäre Hypothesen vorgestellt, welche den Wert von Küssen erklären sollen, doch keine davon hat sich unter Evolutionsbiologen final durchgesetzt, weil bisher keine dieser Hypothesen überzeugende Belege aufweisen kann – egal, ob es um Hypothesen zu Gesundheitsprüfung, Geruchssinn, Paarungsvorbereitung, Vertrauensbeweisen bzw. Stressabbau oder Mikrobenaustausch geht.
Die Autoren um Brindle betonen, dass bisher nicht geklärt ist, aus welchen Gründen Küssen evolutionär ausgerechnet in den oben genannten Tierarten bzw. -gruppen auftaucht und in anderen nicht (S. 4).
Von Lameira (2024) beispielsweise wurde die These aufgestellt, dass sich Küssen eigentlich aus der oralen Fellpflege bei Primaten ableitet, die dazu die Lippen spitzen und saugen, um Parasiten abzusammeln. Brindle et al. sehen jedoch nicht, dass die bekannten Verhaltensdaten diese Idee stützen (S. 4). Alternative Theorien gehen davon aus, dass sich Küssen vom Vorkauen von Nahrung im Mund für Jungtiere bzw. vom Stillen von Säugetierbabys ableitet. Solche Hypothesen sagen aber noch „nichts über den Mechanismus oder die Funktion des Küssens“ bei den Tieren aus (S. 4) – und auch nicht darüber, wie ein Funktionswechsel stattfand.
Lameira (2024, 2) kommentiert die Ursprungshypothesen zum Küssen folgendermaßen: „Allerdings fällt es diesen Hypothesen schwer, den Kontext und die Funktion des Küssens zu erklären. Küssen hat keinen Ernährungszweck und findet auch nicht nur bei oder mit Säuglingen statt. Eine Mutter oder Betreuungsperson, die gekaute Nahrung weitergibt, streckt zwar ihre Lippen vor, aber dies ist das Gegenteil einer Eingabe- oder Saugbewegung. Jede Umgestaltung des Verhaltens im Erwachsenenalter und im Laufe der Evolution wird zwangsläufig spekulativ.“ Zudem kommt das Vorkauen nicht nur bei vielen Primaten und Vögeln vor, sondern auch bei vielen menschlichen Kulturen, insbesondere Jäger-Sammler-Kulturen – das Verhalten des Vorkauens hätte demnach im evolutionären Kontext seine ursprüngliche evolutionäre Funktion beibehalten, wobei das allerdings kein Ausschlusskriterium für diese Hypothese ist. „Die Frage, warum sich das Vorkauen zu der Form und Funktion entwickelt hat [bzw. hätte], die wir heute beim Küssen sehen, bleibt erneut unbeantwortet“ (Lameira 2024, 2). Zudem steht keine der Hypothesen zur evolutionären Herkunft des Küssens „im Einklang mit der vermuteten Entwicklung des Sozialverhaltens von Menschenaffen in freier Wildbahn“ (ebd.). Somit bleiben solche Hypothesen „zwangsläufig spekulativ“ (Lameira 2024, 2).
Es bleibt festzuhalten: Das Vorläuferverhalten des Küssens ist im Grunde unklar bzw. korreliert nicht gerade „perfekt“ mit dem beobachtbaren Verhalten der Primaten – wie z. B. beim Absaugen von Parasiten mit den Lippen bei Primaten oder Säugen oder Nahrungsvorkauen von Säugetieren im Allgemeinen (Brindle et al. 2025, 4+6).
Letztlich bleibt es immer auch eine Definitionsfrage, was man genau unter Küssen versteht: „Jegliche Schlussfolgerungen hängen natürlich von der verwendeten Definition ab“ (S. 2) – dies gilt umso mehr, wenn man mit der Definition bereits eine klare Zielstellung verfolgt. Hier ist es geradezu ironisch, dass die Autoren um Brindle ihren Ig-Nobelpreis ausgerechnet für „die Ausarbeitung einer präziseren Definition des Küssens“ erhalten haben (Ig-Nobelpreisverleihung, https://www.youtube.com/watch?v=I4l-zFWZCS0, Min. 00:35:00). Allerdings verschleiert die Kussdefinition von Brindle et al. (2025, 3) die Einzigartigkeit des menschlichen Küssens: Sie wollen nämlich nicht die Definition „hervorstehende Lippen und eine Saugbewegung“ von Lameira (2024, 1f) verwenden. Brindle et al. (2025, 2f) wollen stattdessen eine „anthropomorphe“ Definition von Küssen um jeden Preis vermeiden: „Aus evolutionärer Sicht ist dies keine sinnvolle Definition, da sie dazu dient, die Form eines Kusses zu […], die ausschließlich in bestimmten Populationen des Menschen (Homo sapiens) vorkommt“. Dies klingt so, als ob bei Brindle et al. (2025) von Anfang an die Definition und die Deutung des Küssens im evolutionären Rahmen beabsichtigt war. Daher verwundert es auch nicht, wenn das Ergebnis der Autoren genau diese Vorannahme bestätigt. Die Daten jedenfalls erzwingen diese Deutung nicht und legen diese Deutung letztlich auch nicht nahe.
Lameira (2024, 2), der – wie beschrieben – eine andere Definition von Küssen vertritt, schreibt nämlich, dass alle Säugetiere ihre Jungen säugen und „obwohl der Mund bei den meisten eine wichtige taktile Funktion hat, hat sich das Küssen zwischen sozialen Gleichaltrigen über Alters- und Klassenunterschiede hinweg bei keinem entwickelt“ – nur der Mensch weist dieses Verhalten auf. Konkreter schreibt er in Bezug auf Menschenaffen: „Ob das ‚Küssen‘ nach Konflikten wirklich mit vorgewölbten Lippen und/oder Saugbewegungen einhergeht, ist unklar und verdient eine detaillierte Beschreibung und weitere Forschung. Küssen wurde auch als Begrüßungsverhalten bei Schimpansen beschrieben, […] aber leider ohne ausreichende Details, um feststellen zu können, inwieweit es das Verhalten beim Menschen widerspiegelt“ (S. 2). Lameira schlussfolgert dementsprechend: „Bislang besteht eine große Herausforderung bei der Bewertung von Hypothesen über die Ursprünge des Küssens und ihre evolutionäre Wahrscheinlichkeit darin, dass die meisten die genaue Form des Verhaltens übersehen oder nicht beschrieben haben“ (S. 2).
Ein Problem der Forschung bleibt somit darin bestehen, dass es häufig an detaillierten Beschreibungen des konkreten Verhaltens in evolutionären Studien fehlt (Brindle et al. 2025). So ist auch bisher unklar, ob das sogenannte „Küssen“ bei Menschenaffen – z. B. nach Konflikten – wirklich Lameiras Definition entsprechen würde, oder ob es nicht doch ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen darstellt.
Fazit
Zusammengefasst ist – selbst entgegen des „Spaßnobelpreises“ – also nicht geklärt,
- ob Tiere exakt dieselben Verhaltensweisen und Emotionen bzw. Ziele beim „Küssen“ wie Menschen aufweisen,
- woher „Küssen“ ursprünglich gekommen ist und
- wieso diese Verhaltensweise so unsystematisch verteilt ist, dass man daraus gerade keine Verwandtschaft ableiten kann.
Stattdessen reiht sich das Vorkommen des „friedlichen Mund-zu-Mund-Kontakts“ (hier bewusst nicht als „Küssen“ bezeichnet) in die lange Liste von Verhaltensweisen und sonstigen Merkmalen ein, die auch aus evolutionärer Perspektive zufällig vielfach unabhängig im Tierreich erworben sein müssten. Der Einbezug eines Schöpfers, der frei ist, solche Verhaltensweisen frei unter seinen Geschöpfen einzuprogrammieren, ist hingegen sehr gut mit den Daten kompatibel. Demzufolge gibt es auch keinen hinreichenden Beleg zur Annahme, der Mensch hätte das Küssen von großaffenartigen Vorfahren vor ca. 20 Millionen Jahren geerbt.
Literatur
Brindle M, Talbot CF & West S (2025) A comparative approach to the evolution of kissing. Evolution and Human Behaviour, in press, https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2025.106788.
Lameira AR (2024) The evolutionary origin of human kissing. Evol. Anthropol. 33, e22050.
Lee B (2025) Evolutionary origins of primate kissing may trace back nearly 20 million years, vom 20.11.2025, https://www.dongascience.com/en/news/75183.
Mocker D (2026) Und der Preis für die skurrilste Forschung geht an …, vom 04.09.2026, https://www.spektrum.de/news/ig-nobelpreise-2026-fuer-babyduft-pissoirs-und-kussgeschichte/2342848
Podbregar N (2025) Unser Küssen hat tierische Wurzeln. Schon die Menschenaffen-Vorfahren vor 21 Millionen Jahren könnten geküsst haben, vom 20.11.2025, https://www.scinexx.de/news/biowissen/unser-kuessen-hat-tierische-wurzeln/.
Danksagung: Ich danke Markus Hofmann für zahlreiche gute Hinweise und Korrekturen sowie Dr. Reinhard Junker für die Durchsicht.
Zum Thema Herkunft der Menschenaffen und des Menschen geht es hier.
Weitere News zum Thema Evolution Menschenaffen und Mensch gibt es hier.