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Schöpfung: Theologie, Biblische Apologetik

Experten: Biblische Gründe für eine theistische Evolution?

Inhalt

In diesem Artikel werden einige Begründungen vorgestellt, die für das Konzept einer „theistischen Evolution" (Schöpfung durch Evolution) formuliert wurden. Die einzelnen Argumente werden einer kritischen Bewertung unterzogen.

Was ist „theistische Evolution“?

Die „Tatsache“ der Evolution

Religionsgeschichtliche Argumente

Überlegungen zum Gottesbild

Vergleich zwischen Stammesgeschichte und Individualentwicklung

Verschiedene Argumente

Zitierte Literatur

Weitere Fragen zu diesem Thema

Was ist „theistische Evolution“?

Der Begriff „theistische Evolution" steht für „theistisch interpretierte Evolutionsauffassung". Gemeint sind damit Sichtweisen, wonach Gott in irgendeiner Weise mittels Evolution die Lebewesen erschuf, auch den Menschen. Im einzelnen gibt es darüber verschiedene Vorstellungen, so die Auffassung, dass Gott in den Evolutionsprozess eingegriffen und ihn dadurch gelenkt habe, oder die Vorstellung, dass Gott die Materie „evolutionsfähig" geschaffen habe, und andere. Allen diesen Konzepten gemeinsam ist, dass eine allgemeine Evolution der Lebewesen, die einige Milliarden Jahre gedauert hat, zugrundegelegt wird. Hierin besteht also kein Unterschied zu einer rein naturwissenschaftlichen Betrachtung. Das Spezifikum einer „theistischen Evolution" ist die Hinzunahme des Schöpfungsgedankens zum Evolutionsvorgang. Wie man sich eine solche Zusammenschau konkret vorstellen soll, darüber wird von den Vertretern dieser Sichtweise keine oder nur eine sehr vage Auskunft gegeben. Das soll hier daher auch nicht thematisiert werden.

In der akademischen Theologie und in der Religionspädagogik wird heute in der Regel die Sicht vertreten, dass die Bibel weder positiv noch negativ zum Evolutionsgedanken stehe. Darin ist die Auffassung eingeschlossen, dass die Evolutionsanschauung nicht im Widerspruch zur Evolutionslehre stünde. Das biblische Schöpfungszeugnis lasse die Vorstellung einer allgemeinen Evolution der Lebewesen zu.

Einige Autoren finden den Evolutionsgedanken in der Bibel sogar vorgebildet und meinen, es gebe ausdrückliche Hinweise in der Bibel auf Evolution. In diesem Artikel werden einige Argumente zusammengestellt, die nach Ansicht von Vertretern einer theistischen Evolution belegen sollen, dass das biblische Zeugnis eine solche Sichtweise zulässt oder sogar gegenüber anderen Vorstellungen favorisiert. Diese Begründungen werden jeweils kritisch hinterfragt.

Die „Tatsache“ der Evolution

Eine häufig vorgebrachte Begründung für die Akzeptanz der Evolutionslehre in der Theologie ist der Hinweis, dass die Evolutionsanschauung naturwissenschaftlich ausgesprochen plausibel sei. Zweifel daran seien heute nicht mehr möglich. Es gehöre zur intellektuellen Redlichkeit, im evolutionären Deutungsrahmen zu denken.

Kritik: Eine allgemeine Evolution der Lebewesen kann nicht als Tatsache gelten, an welche man sich im Denken binden müsse. Dies gilt schon aus grundsätzlichen Erwägungen: die Ursprünge können nicht unmittelbar erforscht werden; darüber können nur mehr oder weniger plausible Szenarien entwickelt werden (Methodik der historischen Forschung). Darüber gibt es zum einen keine zwingenden Belege für Evolution, zum anderen sind grundlegende Fragen im Rahmen des Evolutionsmodells ungelöst (wie in Genesisnet in den entsprechenden Artikeln gezeigt wird).

Religionsgeschichtliche Argumente

Im Zuge der Bibelkritik hat sich weithin die Sicht eingebürgert, dass die Berichte in Genesis 1,11, wie sie in der Heiligen Schrift heute gegeben sind, Ergebnisse eines längeren Nachdenkens über den Gott Israels seien. Für viele Ausleger ist frühestens mit dem Auszug aus Ägypten historisch tragfähiger Grund gegeben. Vom Erleben der Befreiung ausgehend, habe Israel in späteren Reflexionen Aussagen auch über das Schöpfungs- und Gerichtshandeln Gottes formuliert.

Mit diesem Verständnis ist gewöhnlich die Auffassung gekoppelt, die ersten Kapitel der Bibel seien insofern historisch irrelevant, als sie nicht zur Rekonstruktion der globalen Geschichte (z. B. Sintflut) herangezogen werden können.

Wird die biblische Urgeschichte nicht als Schilderung tatsächlicher Geschehnisse gewertet, stellt sich die Frage nach der wirklichen Geschichte. Hier steht nur die Evolutionsanschauung als Alternative zur Verfügung.

Beispielhaft soll die Argumentation Lanzenbergers (1988) angeführt und beurteilt werden. Nach seiner Auffassung stehen Schöpfung und Entwicklung nicht im Widerspruch zueinander, weil sogar die Autoren von Genesis 1 und 2 „in weiser Voraussicht zwei Weltsichten, die nicht mit gleichem Maß zu messen sind, nebeneinander zu Worte kommen" ließen. „Die biblischen Autoren denken tiefsinnig und ganzheitlich und schließen sich naturwissenschaftlichen Denkweisen auf, wogegen sich unser historisches Denken, das Schöpfung und Evolution spaltet, als ein gewaltiger Rückschritt erweist. Darum nenne ich die Alternative ‘Schöpfung gegen Evolution’ ganz provokativ unbiblisch."

Zur Begründung verweist dieser Autor allerdings lediglich auf Gerhard von Rad, nach dessen Einschätzung theologisches und naturwissenschaftliches Erkennen im Schöpfungsbericht spannungslos ineinander ruhen (vgl. dazu aber Die biblische Urgeschichte - wirkliche Geschichte). Freilich sei die Naturerkenntnis entsprechend den Einsichten der damaligen Zeit ausformuliert. Ebenso sollen wir die heutige naturwissenschaftliche Sicht in die Auslegung der Schöpfungsgeschichte einbeziehen, und das ist die Evolutionsanschauung.

Kritik: Eine schlüssige Begründung müsste an dieser Stelle den Nachweis liefern, dass der Ersatz der im Schöpfungsbericht enthaltenen vermeintlich altertümlichen naturwissenschaftlichen Vorstellungen durch das moderne (evolutionistische) Weltbild am Aussageinhalt nichts ändert. Dies ist nicht der Fall, wie in Die biblische Urgeschichte im Neuen Testament gezeigt wird.

Überlegungen zum Gottesbild

Zahlreichen Autoren erscheint Gott größer und genialer, wenn die von ihm geschaffene Welt sich selbständig und selbsttätig entwickelt habe. Die Allmacht Gottes zeige sich deutlicher, wenn sie mittelbare Ursachen in ihren (evolutiven) Dienst stelle und trotzdem alles planmäßig erreiche. Auch zeige sich die Vorsehung Gottes als weitschauender und planvoller, wenn man eine evolutive Welt unterstelle.

Kritik: Diese Argumentation ist ausgesprochen subjektiv. Aus christlicher Sicht stellt sich die Frage, was die Bibel über Gottes Schöpfungshandeln sagt. Was wir darüber denken ist nicht von Bedeutung. Es ist zudem nicht einsichtig, weshalb sich in einem Erschaffen mittels geschöpflicher Wirkungen Gottes Macht deutlicher zeigen soll.

Außerdem steht diesen Einschätzungen die Destruktivität der Schöpfungsmethode durch Evolution entgegen (vgl. Evolutionsmechanismen als Schöpfungsmethode?). Denn Evolution als Schöpfungsmethode beruht auf einem Überschuss an Tod von Individuen und Arten mit den dazugehörenden Begleitphänomenen.

Im übrigen schließt auch das Konzept einer direkten Erschaffung nicht aus, dass bei diesem Vorgang die Schöpfungswerke vielfältig beteiligt sind. Die Frage ist nicht, in welchem Konzept die Geschöpfe überhaupt beteiligt sind, sondern wie sie beteiligt sind.

Als weiteres Argument wird häufig angeführt, Gottes schöpferisches Tun sei nicht nur etwas, was einmal in der Vergangenheit stattgefunden habe, sondern was in der Gegenwart andauere und in die Zukunft hineinrage; es sei nicht nur auf den Anfang beschränkt. Auch dies könne gerade durch eine Evolutionsanschauung veranschaulicht und plausibel gemacht werden.

Ein beständiges Wirken Gottes kann allerdings auch in einer nicht-evolutionären Welt plausibel gemacht werden. Die Welt braucht Gottes Gegenwart, um Bestand zu haben. Man könnte sich denken, dass die Welt ohne Gottes beständiges Erhaltungshandeln ins Nichts zurückfallen würde. Wird eine besondere Schöpfung (creatio specialis, creatio originalis) am Anfang angenommen, so beinhaltet dies kein Zurückziehen Gottes von der Welt, nachdem sie ins Dasein gebracht wurde.

Die Identifizierung von Schöpfungs- und Erhaltungshandeln ist im übrigen problematisch, weil die heutige Welt eine Welt der Sünde ist. In dieser Welt geschehen Dinge, die nicht dem Willen Gottes gemäß sind. Die Tatsache, dass sie dennoch unter seiner Kontrolle sind, ist am besten durch den Begriff der „Erhaltung" (creatio continua et servanda) zu fassen. Den Begriff „Schöpfung" für das Erhaltungshandeln zu verwenden, würde eine Billigung des heutigen Zustandes suggerieren, die so nicht gegeben ist. Das besondere schöpferische Wirken Jesu Christi wird von Jesus selber wie von den neutestamentlichen Zeugen nicht als Bestätigung des Gegenwartszustandes, sondern als Einspruch gegen ihn, als Zeichen des Hereinbrechens der eschatologischen (=zukünftigen, im Sinne von Gottes souveränem Handeln) Schöpfung gewertet.

Vergleich zwischen Stammesgeschichte und Individualentwicklung

Dass nach dem biblischen Gesamtzeugnis evolutives Werden und Schöpfungshandeln Gottes nicht gegensätzlich zu sehen sind, wird oft (z. B. mit Verweis auf Psalm 139) damit begründet, dass der Gläubige sich selbst als Schöpfung Gottes versteht. Derselbe Vorgang, der biologisch gesehen eine Entwicklung sei, sei aus Gottes Perspektive eine Schöpfung. So argumentiert Hemminger (1988): „Warum sollte der Gott, der Brot schafft, indem er Weizen wachsen lässt, nicht Tiere und Pflanzen geschaffen haben, indem er sie aus einfacheren Vorformen wachsen ließ? . . . Wir wissen mit Sicherheit, dass Gott langsam und auf teilweise verstehbaren Wegen Dinge schafft, die ihm unendlich wichtig sind: menschliche Persönlichkeiten." Hemminger begründet diese Argumentation damit, dass wir im täglichen Leben hinter natürlichen Vorgängen oder günstigen Fügungen von an sich rein „natürlichen" Ereignissen Gottes Handeln erkennen (z.B. auf Gebete hin). Es werden also Parallelen zwischen der Ontogenese (=individuelle Entwicklung von Organismen) und Vorgängen im Alltagsbereich einerseits und einer gedachten Phylogenese (=Abstammung aller Lebewesen von einfacher gebauten Vorformen) andererseits hervorgehoben.

Kritik: Es ist zwar richtig, dass Gott auch in natürlichen Prozessen am Werke ist. Dennoch sind die genannten Vergleiche und die mit ihnen bezweckte Begründung der Möglichkeit einer theistischen Evolution irreführend. Dies wird deutlich, wenn einige Punkte zusammengestellt werden, in denen Ontogenese und Phylogenese einander nicht entsprechen:

1. Die Ontogenese ist im Gegensatz zur postulierten Phylogenese ein zielgerichteter Vorgang. Bei der Ontogenese steht zu Beginn fest, was ihr Ergebnis bei ungestörtem Verlauf sein wird. Mit der Befruchtung sind die wesentlichen Entscheidungen gefallen (geeignete Rahmenbedingungen für die Ontogenese vorausgesetzt). In der hypothetischen Phylogenese eine Zielgerichtetheit sehen zu wollen, ist bloßes theologisches oder philosophisches Postulat (=Forderung), das durch die bekannten Daten in keiner Weise gestützt wird. Die meisten Evolutionstheoretiker bestreiten eine Zielgerichtetheit des Evolutionsprozesses ausdrücklich.

2. Der Weg zum Ziel verläuft ganz unterschiedlich. Während für eine postulierte Phylogenese nur das Prinzip „Versuch und Irrtum" gilt und Auslese der Bestangepassten erfolgt, ist die Ontogenese ein Prozess, bei dem einzelne Stadien folgerichtig und zielgerecht nacheinander ablaufen. Die phylogenetische Entwicklung soll dagegen auf Kosten einer immensen Zahl zu wenig angepasster Individuen und von millionenfachem Artentod (Aussterben) voranschreiten. Ein von Gott gelenkter Prozess einer allgemeinen Evolution würde bedeuten, dass der Schöpfer diesen Prozess in ein zahlloses Sterben und Aussterben führt. In der Ontogenese gibt es diesen Aspekt des Aussterbens ebensowenig wie den der Auslese der Überlebenstüchtigsten. Für den harmonischen ontogenetischen Verlauf gibt es keine Entsprechung in der Stammesgeschichte.

3. Die ontogenetische Entwicklung beginnt im Besitz der vollständigen genetischen Information, die zum Aufbau des erwachsenen Individuums erforderlich ist (als notwendige, wenn auch nicht ausreichende Voraussetzung der Entwicklung). Diese Voraussetzung ist in der stammesgeschichtlichen Entwicklung nicht gegeben; diese startet in dieser Hinsicht praktisch mit nichts. Während der Ontogenese entwickelt sich eine vorausgesetzte Ganzheit, eine gedachte Stammesgeschichte dagegen wäre gar keine „Entwicklung" im üblichen Wortsinn, denn sie verläuft ohne vorgegebene, prägende Information. Zu Beginn der Ontogenese liegt also ein lebendiger Organismus als Ganzheit vor. Die postulierte Stammesgeschichte vom Einzeller zum Menschen ist völlig verschieden von der Ontogenese, die mit einem menschlichen Organismus (in Form einer befruchteten Eizelle) bereits beginnt. Auf den Menschen konkretisiert heißt das: In der Ontogenese entwickelt sich der Mensch als Mensch von Anfang an. In der Stammesgeschichte soll sich dagegen ein Einzeller unter anderem zum Menschen hin entwickelt haben.

Theologisch bedeutsam ist vor allem Punkt 2: Der Vergleich Ontogenese-Phylogenese kann nicht konsequent durchgeführt werden, da die Entwicklungsweisen ganz unterschiedlich wären, also im Konzept einer „theistischen Evolution" verschiedene Schöpfungsmethoden bei Stammesgeschichte und Individualgeschichte vorliegen würden. Das heißt: Das Schaffen Gottes durch ontogenetische Entwicklung wäre von Grund auf verschieden von einem Schaffen durch phylogenetische Entwicklung. Der Vergleich zwischen Ontogenese und Phylogenese ist daher irreführend, da – insbesondere dem biologisch Unkundigen – eine falsche Vorstellung eines „evolutiven Erschaffens" suggeriert wird. Man denkt sich die unanschauliche und faktisch nicht evidente Phylogenese fälschlicherweise wie die anschauliche ontogenetische Entwicklung.

Wichtig ist auch Punkt 3: Die eigentliche Erschaffung des individuellen Menschen geschieht nicht während seiner Individualentwicklung oder an deren Ende (wie in der postulierten Stammesgeschichte), sondern am Beginn. Dabei bleibt es freilich Gottes Geheimnis, wie aus Ei- und Samenzelle ein neuer Mensch, ein neuer verwirklichter Gedanke Gottes wird. Jedenfalls ist mit der befruchteten Eizelle ein neuer Mensch in Existenz, der nicht erst im Laufe der Embryonalentwicklung zum Menschen wird. Daher kann die Embryologie keinen Einschnitt in der menschlichen Ontogenese feststellen, der einen Übergang vom „Noch-nicht-Menschen" zum Menschen belegen würde.

Schlussfolgerung: Die Unterschiede zwischen individueller und stammesgeschichtlicher Entwicklung sind so grundlegend, dass eine besondere Begründung erforderlich ist, wenn in beiden Fällen ein vergleichbares Schöpfungshandeln Gottes gesehen wird. Auch wenn ein Entwicklungsprozess prinzipiell als Wirken Gottes verstanden werden kann (wie in der Ontogenese), muss doch eigens begründet werden, weshalb die Art und Weise einer gedachten stammesgeschichtlichen Entwicklung mit dem biblisch bezeugten Schöpfungshandeln Gottes vereinbart werden kann. Angesichts der grundlegenden Verschiedenartigkeit beider Prozesse wäre ein sich darin ausdrückendes Schöpfungshandeln ganz verschieden geartet.

Verschiedene Argumente

Neben diesen allgemeinen Gesichtspunkten, die die Möglichkeit theistisch-evolutionärer Konzepte begründen sollen, werden auch einzelne biblische Texte angeführt. Manche Autoren weisen darauf hin, dass die biblischen Autoren nicht nur von einem „geschaffen", sondern auch von einem „geworden" sprechen. Was nun in der sichtbaren Wirklichkeit als ein Ablauf erscheint (Evolution), ist in der unsichtbaren Wirklichkeit ein Gesetztsein (Schöpfung). Derselbe Prozess des Werdens der Welt sei ein Setzen, ein Schaffen Gottes. Die biblischen Schriftsteller verwendeten das hebräische Wort für Gottes unvergleichliches Schaffen („bara") auch für Vorgänge, die eindeutig auch den Aspekt des Werdens zeigen: So ist das Volk Gottes „geschaffen" (bara; Jes 43,1). Daher könne man auch annehmen, dass der Mensch gleichzeitig evolutiv geworden und geschaffen sei.

Des weiteren wird oft darauf verwiesen, dass nicht überall im Schöpfungsbericht von einem besonderen Schöpfungsakt Gottes die Rede sei, sondern auch davon, dass die Erde sprossen lassen (Gen 1,1112), das Wasser wimmeln (1,20) und die Erde hervorbringen (1,24) solle. Die Erschaffung der Pflanzen und Tiere schließe also die (evolutive) Entwicklung der Arten ein. Dieses Element der Evolutionstheorie sei damit schon andeutend vorweggenommen.

Lanzenberger (1988) interpretiert das göttliche „Es werde" im Sinne eines evolutiven Werdens und Wirkens. Das hebräische Wort enthalte sachlich das, was wir heute mit Evolution umschreiben.

Einen weiteren Beleg für den impliziten Evolutionsgedanken sieht Lanzenberger in den „Toledot" („das ist die Geschichte von ..."), die er mit „Evolutionsgeschichte" übersetzt.

Das Wort „Segen" soll nach diesem Autor ebenfalls den Evolutionsgedanken nahelegen. Es bedeute Gottes Lebenskraft für alle „lebenden Seelen" und zeige deutlich, „dass Gott keine übernatürliche Schöpfung vorhatte, die alles Leben irgendwann vom Himmel fallen ließ. Gott hat eine Welt erschaffen, die Spielraum zur Entwicklung enthält, damit gibt Gott seinen Geschöpfen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Segen bedeutet somit die Bereitstellung und Gabe zur Lebensentwicklung seiner Geschöpfe." Segen enthalte den Auftrag zur Evolution.

Öfter wird auch auf Psalm 104 verwiesen, wo u. a. von einem Werden und Vergehen der Tiere die Rede ist. Dies wird oft im Sinne einer Vereinbarkeit mit der Evolutionslehre gedeutet. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich auch Pred 3,19 erwähnt, wonach der Mensch wie das Vieh stirbt, beide den gleichen Odem haben und der Mensch dem Vieh nichts voraus hat.

Schließlich wird auf Röm 8,1922 Bezug genommen. Hemminger & Hemminger (1991) meinen, Paulus spreche hier von der Schöpfung, als sei sie noch nicht fertig.

Die stammesgeschichtliche Verbundenheit zwischen Tieren und dem Menschen wird auch darin gesehen, dass Mensch und Tier gleichermaßen als „Seele" (hebr. näphäsch) bezeichnet werden.

Kritik: Der Überblick über die vorgetragenen Argumente zeigt, dass der biblischen Überlieferung keine offenkundig positiven Belege für eine evolutive Geschichtsdeutung entnommen werden können. Biblische Texte können die Akzeptanz einer Evolutionslehre weder begründen noch nahelegen. Vielmehr wird hier der Evolutionsgedanke in die Texte hineingelesen. Manche Textstellen können wohl isoliert betrachtet mit dem Evolutionsgedanken harmonisiert werden, legen ihn aber nicht nahe. Die Begriffe und Wendungen „Toledot", „Segen", „es werde", „lasse sprossen, wimmeln, bringe hervor" legen in keiner Weise Evolution im stammesgeschichtlichen Sinne nahe. Ps 104 und Pred 3 schildern nicht die ursprüngliche, sondern die gefallene Schöpfung. Ebenso geht es in Röm 8,19ff. um ein geschichtliches „Unterworfenwerden" der Schöpfung (ausführliche Begründung im Artikel Biblische Aussagen zur Existenzweise der Lebewesen). Die Tatsache, dass Israels Werden als Schöpfung Gottes interpretiert wird, kann nicht auf das Entstehen der Organismen übertragen werden. Die geschöpfliche Verbundenheit von Mensch und Tier besagt nichts über ihre Entstehungsweise. Zudem ist nur der Mensch zum Bilde Gottes geschaffen.

Die vorgebrachten Argumente stellen auch das realhistorische Verständnis von Genesis 1,11 nicht in Frage.

Literaturhinweise: Ausführlich wird diese Thematik behandelt in: Reinhard Junker (1994) Leben durch Sterben? Schöpfung Heilsgeschichte und Evolution. Studium Integrale. Neuhausen.

Eine kompakte Zusammenfassung der Thematik bietet: Reinhard Junker: Jesus, Darwin und die Schöpfung. Warum die Ursprungsfrage für die Christen wichtig ist. Holzgerlingen, 2. Auflage 2004.

Mit der theologischen Problematik einer theistischen Evolution beschäftigt sich auch Werner Gitt in Teilen des Buches „Schuf Gott durch Evolution?" Neuhausen.

(Infos zu diesen Büchern bei http://www.wort-und-wissen.de)

Zitierte Literatur

Hemminger H (1988) Kreationismus zwischen Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft. Orientierungen und Berichte

Hemminger H & Hemminger W (1991) Jenseits der Weltbilder. Stuttgart.

Lanzenberger G (1988) Schöpfung ist Evolution. Karlsruhe.

Weitere Fragen zum Thema

Schließt Evolution die Existenz Gottes aus?

Welches Gottesbild verträgt sich mit einer naturalistischen Evolution?


Autor: Reinhard Junker, 08.06.2004

 
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